Archiv für die Kategorie 'Leben und so'

Die neuen Sekten – Folge 1: Apple

Kakanien Juli 9th, 2010

Stellen Sie sich vor, es gäbe einen demokratischen Staat, der eine liberal-kritische Zeitung verbietet, sagen wir: den STERN. Diesen Staat störte nämlich, dass in dieser Zeitung auch – ein wenig – nackte Haut zu sehen ist. In einem Zeitalter, in dem die Läden überquellen mit Busen aller Größen und Nacktheit zum guten Ton vieler Theateraufführungen gehört. Continue Reading »

Gespräch über den Pessimismus

Kakanien April 6th, 2010

Neulich redete ich mit meinem Freund Walter. Inter-faces. Also Aug in Aug. Wir sind etwas altmodisch und schalten unsere Handys aus, wenn wir unter uns sind. So kann uns niemand stören. Continue Reading »

Sammler und Jäger

Kakanien August 31st, 2009

Der Mensch hat einen Trieb. Mindestens. Ich schreibe heute von dem des Sammelns.

Der hat es in Zeiten der Digitalisierung nicht leicht. Früher sammelte ich Zeitungsausschnitte und legte sie in eine Schachtel. War die voll, erstand ich eine neue und füllte sie mit interessanten Artikeln. Auf diese Weise wurde mein Anspruch an Wohnraum, vor allem Kellerraum, immer größer.

Heute entstehen Zusatzarbeiten. Die Artikel werden eingescannt und digital gesichert. Weil ein Computer normalerweise nach etwa drei Jahren kaputt wird, müssen die Artikel gesichert werden. Auf eine externe Festplatte.

Allerdings werden auch diese regelmäßig kaputt, daher müssen die Daten – Sicherheit ist alles – ein weiteres Mal gesichert werden. Gebackupt, wie wir Fachleute sagen.

Auf diese Weise habe ich mein Bücherregal um einige Teile erweitern müssen, um darin alle externen Festplatten aufzubewahren. Voll mit Zeitungsartikel, Fotos, Videos und anderen Dingen, die niemanden interessieren, nicht einmal mich.

Das klingt nicht nur nach Zeitvernichtung, es handelt sich ganz konkret um eine solche. Dennoch ist die Tätigkeit des Archivierens höchst interessant.

Heute fand ich zum Beispiel einen Artikel über die Lust an Wiederkäuern.

Frau Möller aus dem Sauerland hat einen Bauernhof. Aber nicht irgendeinen, sondern einen tier- und menschenfreundlichen. Die Gäste dürfen dort echte Kühe küssen. Das beruhigt angeblich ungemein, vor allem, weil es sich bei den Kühen um die Rasse der “Hinterwälder” handelt. Die sind, laut Frau Möller, eher zurückhaltend und haben “mehr Fluchtinstinkte als die modernen Zuchtrinder”. Kluge Tiere also.

Ich nehme an, sie schmusen eher ungern mit Fremden, was ja auch unter Menschen – noch – üblich ist. Gekuschelt wird von Kuh zu Mensch ungefähr 20 Minuten lang, dann ist Schluss mit lustig. Die Tiere haben dann genug von menschlicher Zärtlichkeit.

Die Gäste können aber aus der Distanz ein echtes Kuhbild malen, das sei sehr inspirierend.

Interessant auch, dass vor allem Erwachsene die Nähe zu Kühen suchen. Männer, behauptet Frau Möller, schenken einen solchen Urlaub gerne ihren Frauen zum Geburtstag.

Mit irgendjemandem muss selbst die moderne Frau schmusen können.

Eineinhalb Stunden Kuhkuscheln kosten übrigens nur 15 Euro. Eine echte Mezzie im Vergleich zum Aufenthalt im Bordell!

Der Zufall ist (k)ein Wunder

Kakanien Juli 7th, 2009

Susi mag Egon. Ihr Herz pocht vor Aufregung und ihr Schoß wird warm, wenn sie ihn trifft. Sie trinken ein paar Gläser Wein, essen eine Kleinigkeit und gehen nach Hause, mal zu ihr, mal zu ihm. Die Stunden ein Rausch, die Trennung leicht, alles fließt. Nichts soll die Leichtigkeit ihrer Leidenschaft trüben, kein Alltag, kein Anruf. Das schwören sie einander. Der Zufall ist ihr Glück, und sie wollen es nicht stören.
Nach Wochen, manchmal Monaten treffen sie aufeinander, umarmen und drücken sie sich, erzählen Geschichten aus ihren fremden Welten und sind – verliebt? Nein, dazu haben sie keine Zeit. Sie fehlt ihnen nicht. Ihr Mangel ist das Salz ihrer Freude.

Irgendwann war alles anders. Egon lief Susi elf Tage nach ihrem fröhlichen Essen beim Griechen über den Weg. Sie gingen zum Franzosen essen und danach zu Egon.

Es war ein angenehmer Abend, auch wenn der Reiz der Spontaneität geringer geworden zwar. Nach elf Tagen waren sie nicht weit genug voneinander entfernt, um überrascht zu sein von der Berührung des Anderen.

Drei Wochen später traf sie Egon im Tabakladen. Er kaufte eine Geburtstagskarte für seine Tante. Sie gingen in ein Café, aßen danach eine Kleinigkeit beim Japaner und landeten anschließend bei Susi. Sie war zu müde, um den Weg zu ihm noch zu schaffen, aber das machte Egon nichts aus.
Zum Frühstück bekam sie einen Capuccino und eine frische Semmel, die er vom Bäcker geholt hatte, weil Susi – er nannte sie nun „mein liebes Kätzchen“ – so gut geschlafen hatte.

Das war kein Wunder, denn Egon war nicht nur – wie sie angenommen hatte – bei einem Wiedersehen nach langer Zeit besonders triebhaft, sondern er war das anscheinend permanent. Das widersprach ihrer emotionalen Konstitution. Susi war euphorisch im Rahmen einer gewissen Stundenanzahl, aber nicht andauernd. Der Sprint lag ihr näher als ein Marathon. Sie brauchte ihre Ruhephasen.

Egon brauchte keine.

Fünf Tage später, es war Freitag, traf sie ihn am Markt. Susi kaufte Penne, er eingelegte Tomaten. Der Abend beim Spanier war weniger fröhlich als die früheren, eine leichte Verkrampftheit lag in der Luft, aber Egon lachte alles hinweg.

Dieses Mal hatte er während ihres Morgenschlafes geräucherten Wildlachs und mit Schoko gefüllte Krapfen gekauft. Der Café dampfte in der Schale, der Toast duftete, und Susi hatte ein unangenehmes Gefühl.

War es sein Körpergeruch? Bisher hatte der sie nicht gestört, und sie war ein sensibler Nasenmensch. Waren es die drei Löffel Zucker, die er in seine Tasse gab? Sie mochte Café schwarz und ungesüßt.

Am Mittwoch trafen sie ihn im Geschäft mit Tierfutter. Susi hatte ein großes Aquarium und Egon hasste nichts so sehr wie Haustiere, selbst wenn sie stumm sind. Susi kam ins Grübeln. Sie wollte nicht glauben, dass Egon für den Kater seines Nachbarn „Cat’s best Sushi“ kaufen wollte.

Sie gingen dennoch zum Portugiesen – Abwechslung tut gut, fand Egon – und schließlich zu ihr. Als sie wie gerädert aufwachte, standen eine große Schale Kakao und ein Kipferl auf dem Küchentisch. Der Strauß roter Rosen erhöhte Susis Unmut. Leidenschaft mit Liebe halten nur hoffnungslose Optimisten für eine dauerhafte Form. Sie frühstückten mürrisch und suchten verzweifelt nach einem gemeinsamen Gesprächsthema.

Glücklicherweise rief Egons Ex an und bat um Erhöhung seiner Alimentationszahlung für die gemeinsame Tochter. Egon lehnte ab und vereinbarte einen Termin bei seinem Rechtsanwalt. Er blickte Susi verloren an – und warf sein Handy an die Wand.

„Scheißtechnik“, fluchte er. „Sie hilft einem überhaupt nicht weiter im Leben.“

Susi nickte. Handys sind eine Qual, warum sollten sie einem weiterhelfen im Leben?

Egon verabschiedete sich und entschwand zu seinem Anwalt. Susi atmete auf und schaltete den Fernseher ein. Ein Journalist berichtete gerade von tollen Features für Handys. Sie hörte kaum zu. Sie wollte weder ein Handy als Navigator, noch eines mit E-Mail-Empfang, das alles interessierte sie nicht. Die Freude über Egons Verschwinden ließ alles verblassen.

Dann kam – Susis drittes Ohr war aufmerksam – der Hinweis auf ein Überwachungsprogramm. Und wie sinnvoll es im Freundeskreis eingesetzt werden kann. Das Böse wird zum Guten, so der Kommentar des fröhlichen Technikfreaks.

„Stellen Sie sich vor“, grinste er aus dem Fernseher heraus, „Sie können jederzeit wissen, wo Ihre Freundinnen und Freunde sind. Selbstverständlich nur, wenn diese einverstanden sind. Dann installieren Sie einfach dieses kleine Programm auf dem Handy …“

Susi war hellwach. Vor einige Zeit hatte Egon ihr neues Handy untersucht und viele Tasten gedrückt. Er wollte nur ausprobieren, welche Funktionen es hätte. Als naive Benutzerin fand sie nichts dabei, aber seit jenem Tag hatten sich ihre Treffen gehäuft. Egon war überall.

Susi rief Martin an, der seit Jahren versuchte, mit der Entwicklung der EDV Schritt zu halten. Er kannte das Programm und diktierte ihr Schritt für Schritt, wie sie es löschen konnte. Es war ein schönes Gefühl, als es raschelnd im Papierkorb verschwand.

Als sie Egon wieder sieht, sind viele Monate vergangen. Er steht vor dem Dom, sein Haar weht im Frühlingswind. Freude überkommt sie, wie damals, als sie ohne Handyprogramm durchs Leben pflügte.

„Egon!“, ruft sie und umarmt ihn. „Wie schön! Was hältst du von einem Essen beim Inder?“ Susi liebt Abwechslung.

Der Mann, der einmal Egon hieß, sieht sie entsetzt an.

„Susi“, sagt er. Und nach einer Pause: „Ich bin auf Diät. Bis Ostern. Tut mir Leid.“

Er entzieht sich ihrer Umarmung und läuft davon.

„Wie wär’s mit dem neuen Vegetarier?“ ruft Susi ihm nach.

Keine Antwort. Gekränkte Männer sind schlimmer als die fortschrittlichste Technik.

Wirtschaftskrise

Kakanien Januar 5th, 2009

Dieser Beitrag ist auch als Video zu sehen:

Videosplitter Wirtschaftskrise – eine Analyse.

Als Kind bin ich mit meiner Mutter auf den „Markt“ einkaufen gegangen.

Das war in Simmering – genau, dort wo der Ostbahn-Kurti herkommt. Was eigentlich nicht stimmt,  weil der Ostbahn-Kurti gar kein echter Simmeringer ist, weil nicht dort geboren. Der Kurti heißt nämlich Resetarits und ist in Stinatz geboren. Aber bitte, wir Simmeringer sind tolerant – zumindest in gewissen Grenzen.

In den USA dürfte der Ostbahn-Kurti ja nicht einmal Präsident werden, bei uns Simmeringern darf er sich sogar als Aborigines, also als Eingeborener ausgeben.

Aber zurück zum Markt in Simmering. Der war wirklich schön. Damals, in den 50-er Jahren. In der Mitte stand ein Brunnen. Dort konnte man das Obst waschen, das man vorher bei den Standln gekauft hatte.

Oder Wasser trinken, weil man als Kind damals noch gelaufen ist, was das Zeug gehalten hat. Dann war man durstig und konnte erst weitermachen, wenn man ein paar Schluck Wasser intus hatte.

Die Stände waren teilweise in kleinen Häusern untergebracht, teilweise standen sie im Freien. Duftendes Obst, Salate, Bananen – ja, sogar in Simmering hatte man mehr als im damaligen Ostblock, wie auch hier alle sagten, obwohl das ein echter Arbeiterbezirk war. Und da könnte man denken, dass die Menschen hier zumindest ein bisschen eine Ahnung hätten haben können über den Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

War aber nicht der Fall. Die Sozialdemokraten, die sich damals noch Sozialisten nannten, hatten alle im Griff. Und noch schlimmer als die Pfaffen waren nur noch die Kommunisten. Kain und Abel in der Politik sozusagen. Beide schlugen so lange aufeinander ein, bis der Gegner siegte.

Naja, zurück zum Thema: dem Markt.
In Simmering.

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Waren auf den Markt. Von manchen kannte man nicht einmal den Namen. Aber die Verkäufer waren freundlich und erklärten einem alles.

Zumindest das, was sie selber wussten.

Meine Mutter ging von Stand zu Stand, verglich Preise und Qualität der Waren, entschied sich für schöne Bramburri, das sind Erdäpfel einer geschmackvollen Sorte. Dann ging’s weiter zum Fischhändler und dazwischen manchmal zum Ihaha. Der Ihaha war, wie der Name schon sagt, der Pferdefleischhauer und dort schmeckte die Leberkässemmel besonders gut.

Als ich voriges Jahr beim Simmeringer Markt vorbeifuhr, sah er erbärmlich aus. Einzelne kleine Häuser und der Brunnen fehlten bereits, die vorhandenen Gebäude waren offensichtlich außer Betrieb. Ein Bild des Jammers.

Und da habe ich mir gedacht: das mit den Märkten funktioniert nicht mehr.

Und heute haben wir eine Wirtschaftskrise, weil auch die anderen Märkte nicht funktionieren. Und die Experten haben von nichts gewusst. Dabei hätten sie bloß auf den Simmeringer Markt schauen müssen. Wie ich. Dann hätten sie das alles schon viel früher wissen können.

Der Simmeringer Markt ist nämlich kaputt gegangen, weil immer mehr Märkte entstanden sind. So genannte Supermärkte.
Dort war alles viel billiger und größer und mehr sowieso. Also Mehr mit h.

Und das alles mit immer weniger Arbeiterinnen und Arbeitern!

Und je mehr man kaufte, desto billiger wurde es! Geiz war geil und saufen und fressen und dicke Autos kaufen wirtschaftsfördernd.
Irgendwann in den 90-er Jahren hat mich mal ein Mädchen in der Schule gefragt, wie sich das denn ausgehen soll: immer mehr Wachstum. Eines Tages ist dann doch nichts mehr da!

Das ist eine gute Frage, habe ich gesagt. Und kein Experte wird dir darauf eine vernünftige Antwort geben. Wenn er nämlich zugeben würde, dass es sich nicht ausgehen kann, ist er kein Experte mehr. Verstehst du?

Da hat sie den Kopf geschüttelt.

Dabei sind damals die neuen Märkte erst so richtig gehypt, wie die Profis sagen:
der Rentenmarkt, der Immobilienmarkt, der Versicherungsmarkt, dann, als Höhepunkt:
der New-Technology-Markt!

Als der zerbröselte wie der Simmeringer Markt und die Yuppys ihre Maßanzüge auf den second-hand-Markt warfen, erfanden Phantasten in größter Verzweiflung die Hedge-Fonds, wo die Leute noch Geld gewinnen sollten, wenn die Aktienkurse sanken – und das haben die Leute geglaubt!

Weil Geiz nämlich nicht geil ist, sondern blöd macht!

Ein österreichischer Finanzminister redete den Leuten sogar ein, dass private Pensionen super sind, weil sie eine Verzinsung von mindestens sechs Prozent hätten. Auf dem Kapitalmarkt. Da sagten sogar die Experten, das sei falsch. Machte aber nichts, weil die Menschen es gern haben, wenn ihnen jemand was Tolles verspricht.

Jetzt haben sie weniger Pension und sind ein bisserl böse auf den ehemaligen Finanzminister. Nur ein bisserl, weil er so fesch ist. Und weil er geschickt war. Er hat wirklich mit fallenden Kursen Gewinn gemacht. Durch Provisionen bei einem Unternehmen, das mittlerweile von der Bildfläche verschwunden ist.

Na, es geht doch irgendwie.
Man darf sich eben nicht auf die Märkte verlassen, sondern auf die guten Freunde. Und dass man rechtzeitig welche hat, die genug Geld haben. Und es vor den anderen verstecken.

Im Meer bei Jersey zum Beispiel. Der beinahe steuerfreien Insel zwischen England und Frankreich.

Das ist ein völlig freier Markt!

Jeder kann dort ein Unternehmen gründen. Er braucht bloß ein paar Millionen Euro, schon ist er mit von der Partie, am freien Markt der Millionäre. So gesehen kann man auch sagen: der Markt funktioniert tadellos.

Für jene, denen die anderen wurscht sind. Um nicht zu sagen: Leberkäse.

Den meisten allerdings geht es wie den Simmeringer Marktstandln:
sie verschwinden von der Bildfläche.

Werden arbeitslos und bedürftig, wie das so schön heißt.

Man kann auch sagen: der Markt ist wunderbar für jene, denen der Rest der Menschheit egal ist. Eine Spielwiese der Rücksichtslosen.
Der Stärkere gewinnt.

Und der Simmeringer Markt mit seinen Bauern und Gärtnern ist verschwunden.

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