Archiv für die Kategorie 'Pädagogik & Schule'

Alles bleibt schlechter

Kakanien Juli 26th, 2010

Wer die Bildungs”politik” in Österreich verfolgt, schwankt zwischen Verzweiflung und Lachattacken. Continue Reading »

Katastrophe Zentralmatura – oder so

Kakanien Januar 30th, 2010

In der letzten “Autorensolidarität” wurde ein offener Brief der “IG Autorinnen und Autoren” gegen die Zentralmatura in Deutsch veröffentlicht. Ich möchte mich davon distanzieren, als Autor und vor allem als Lehrer. Die Argumente, die in diesem Schreiben genannt werden, haben mit der Schulwirklichkeit nichts zu tun. Und es ist nicht nur der Beifall der “Österreichischen Professoren Union”, der verdächtig stimmt.

Zur Information für Leserinnen und Leser aus dem Ausland: Es handelt sich bei der “Professoren Union” nicht um einen Verein von Universitätsprofessorinnen und –professoren. Nein, in Österreich ist jede Lehrperson an einer höheren Schule per Ernennung Professorin oder Professor. Zwar nur als Berufstitel, aber wer kennt schon den Unterschied zwischen erarbeitetem und verliehenem Titel? Und immerhin ist man damit auf Augenhöhe mit Udo Jürgens, Heinz Conrads und Joseph Weizenbaum.

Die “Österreichische Professoren Union” ist eine Interessensgemeinschaft christlicher (?) Gewerkschafter und steht für eine stramme Njet-Politk im Bildungsbereich. Ob Gesamtschule oder Ganztagsschule, ob Reform der Ausbildung für LehrerInnen oder andere, gar höhere Lehrverpflichtungen, das alles ist des Teufels oder, schlimmer noch, sozialistisch. Mit dieser Strategie war und ist man erfolgreich, denn nichts scheint im Bildungsbereich so wichtig zu sein wie die Privilegien der “Professoren”, womit in erster Linie die gymnasialen Lehrerinnen und Lehrer gemeint sind.

Zurück zur “Zentralmatura” und den angeblich schlimmen Folgen für das “Maturaniveau”.

Ich unterrichte seit acht Jahren an einem Kolleg, arbeite also mit jungen Menschen, die eine AHS-Matura haben und aus verschiedenen Schulen kommen. Leider konnte ich bisher selten beobachten, dass sie in der Lage sind, “ein vertieftes Argumentieren (oder Interpretieren) im Kontext eines hinreichend niveauvollen Themas” durchzuführen und sich “gedanklich folgerichtig auf einer adäquaten Reflexionsebene zu entfalten” (Zitat aus dem offenen Brief der Deutschprofessorin).
Das ist übrigens nicht die Schuld dieser jungen Menschen, sondern ein Problem des hiesigen Schulsystems.

Ähnliche Erfahrungen machte ich bei meinen Lehraufträgen an der Universität Innsbruck. In meinem Seminar “Verständlich schreiben” waren die Studentinnen und Studenten überrascht, dass Schreiben gelernt werden kann. Zumindest zu einem großen Teil. Und dass Schreiben Freude machen kann, hatten fast alle vergessen.
Der Satz Tucholskys gilt für viele noch immer:
“Was wir gelernt haben, haben wir nicht wegen, sondern trotz der Schule gelernt.”

Eine Studentin fasste das so zusammen: ”
Wir mussten immer literarisch schreiben. Und zwar so, wie der Lehrer sich das vorgestellt hat.”

Deutsch als Spielwiese subjektiver Bewertung? Ja natürlich, um den Werbespruch einer österreichischen Supermarktkette zu zitieren. Wenn auch ökologisch unsinnig.
Meine Tochter musste zum Beispiel in der Oberstufe des Gymnasiums im Gegenstand Deutsch ein Buch lesen. Nicht pro Woche, nicht pro Monat, nein: pro Jahr!
Da wünscht man sich als Vater eine Standardisierung, damit das Kind wenigstens, na, sagen wir mal zwei Bücher lesen soll.

Damit sich nicht eine Berufsgruppe beleidigt auf die Couch setzt, füge ich hinzu: Selbstverständlich sind viele Lehrerinnen und Lehrer engagiert. Ebenso sicher ist, dass es nicht alle sind. Über den Prozentsatz kann lange gestritten werden, aber das ist eine andere Diskussion.

Mir geht es um Folgendes:
Eine Zentralmatura gibt es in vielen Ländern, ohne dass, so viel ich weiß, Autorenverbände dagegen protestierten. Vielleicht, weil es sinnvoll ist, dass viele jungen Menschen einen bestimmten Standard erreichen? (Über den kann und soll man ausführlich diskutieren, keine Frage!)

Ist es für Autorinnen und Autoren nicht viel sinnvoller, eine Gesamtschule für alle Kinder zu fordern, damit die sozialen Unterschiede in Österreichs Schulen endlich nicht, wie derzeit, vergrößert werden, sondern vermindert?
Selbst wenn der Beifall der österreichischen Professorenunion dann ausbleiben wird?

Daher bin ich nicht gegen die “Zentralmatura”, sondern für eine Initiative der Autorinnen und Autoren für eine Gesamtschule. Damit Bildung nicht ein Privileg für einige bleibt, sondern ein Menschenrecht für alle wird. Auch hierzulande.

Erich Ledersberger
Lehrer und Autor

PS: Gebildete Menschen lesen übrigens gerne Bücher. Wäre das nicht ein Ansporn für uns Autorinnen und Autoren, sich für die Gesamtschule einzusetzen statt gegen eine (Teil)Zentralmatura?

Ach, wie peinlich!

Kakanien März 8th, 2009

Wer am Sonntag Abend die Sendung “Im Zentrum” auf ORF 2 gesehen hat, wird sich nicht mehr wundern über den Stand des Schulwesens in Österreich.

Der Vertreter der Lehrer – er heißt Riegler, der echte Anführer ist ja gleichzeitig 2. Präsident des Nationalrates und hat wenig Zeit – tat sich durch anhaltendes Reden unter Vermeidung von Inhalten hervor. Der oberste Gewerkschafter von überwiegend weiblichen Lehrerinnen ist natürlich ein Mann, deshalb spricht er überwiegend von Lehrern und fügt, irgendjemand hat es ihm souffliert, dann und wann “Lehrerinnen und Lehrer” ein.

Ansonsten haben die Lehrer “die Schnauze voll”, wie der Lehrer”vertreter” es ausdrückt, und die Gewerkschaft verbreitet die Losung: Alles muss bleiben, wie es ist.

Warum ein Vertreter der Lehrerinnen und Lehrer kein Wort zum Thema “Gesamtschule” sagt, nichts zur unterschiedlichen Ausbildung, nichts zur stumpfen Einteilung des Schulalltags in 50-Minuten-Einheiten, nichts zu …
Ach, der Argumente gäbe es so viele – und die oberen Vertreter haben nur eines: Alles bleibt so wie es ist.

Bildung in Österreich: ein Trauerspiel.

Köpferl in Sand

Kakanien Dezember 11th, 2008

Wien und Tirol – das sind keine Gegensätze, sondern Brüder im Geiste.

“Waun da Wind waht in de Gossn, waun da  Wind waht aum Laund,
daun steckt er sei Kepferl in Saund.”
So sang der Maler Arik Brauer über einen bestimmten Typ “des” Wieners – und der könnte genauso gut ein Tiroler sein.

Als vor einigen Jahren eine wissenschaftliche Untersuchung belegte, dass etwa 20 Prozent der 15-jährigen nicht zusammenhängend lesen können, wusste der damalige Präsident des Tiroler Landesschulrates sofort eine gute Antwort.
Ja, vielleicht in Restösterreich, aber sicher nicht in Tirol. Hier gibt es keine Analphabeten.

Vor einigen Tagen war es wieder so weit. Österreichische Volksschüler schnitten bei einer Studie erschreckend schlecht ab.

Und wieder war klar: an Tirol kann es nicht liegen. Die Politiker befanden, dass dieses Ergebnis falsch sein muss, weil es nicht geben kann, was es nicht geben darf.

Tirol ist hier einer Meinung mit Restösterreich: Schuld an schlechten Werten ist das böse Ausland (siehe EU-Reaktionen auf die Regierungskoalition Blau-Schwarz) oder die böse Wissenschaft. Oder sonstwer. Jedenfalls nicht die Bildungspolitik der jeweils herrschenden Koalition.

Wir sind nämlich sehr gut, irre super sozusagen quasi, auch wenn das niemand merkt.

Und irgendwie stimmt’s ja: was wir Österreicher an Problemen verdrängen und verstecken, das soll uns erst wer nachmachen!

Das Schweigen der Pädagogen

Kakanien August 4th, 2008

“Was wir gelernt haben, haben wir nicht wegen der Schule, sondern trotz der Schule gelernt.” So lautete Kurt Tucholskys Zusammenfassung seiner schulischen Laufbahn am Anfang des vorigen Jahrhunderts.

Tucholsky war Deutscher und seine Meinung kann auf die gegenwärtige Situation in Österreich problemlos übertragen werden. Mit dem Unterschied, dass in Kakanien (=Österreich)  über Schule nicht diskutiert, sondern bloß gestritten wird.

In Abständen von Jahrzehnten erscheint immer wieder ein Buch, das österreichische Schulen als “Problemzone” behandelt. Das letzte hieß “Der talentierte Schüler und seine Feinde” und wurde von Andreas Salcher geschrieben. Der ist Betriebswirt und listet buchhalterisch viele Fehler unseres Schulsystems auf.

Ein nicht gerade innovatives Unterfangen, aber immerhin: die Medien berichteten und die Lehrer regten sich auf. Ein kleiner Adrenalinschub vor den Ferien tut immer gut, dann wird das Entspannen noch angenehmer. Das war’s dann auch und im nächsten Schuljahr geht’s im gewohnten Trott weiter.

Interessant ist die Tatsache, dass ein Betriebswirt über Pädagogik schreibt und zum Beispiel ein Jurist die Schule verändern will. Bernd Schilcher heißt er und versucht seit Jahrzehnten, eine Gesamtschule zu verwirklichen. Er war lange Jahre ÖVP-Politiker und wer diese Njet-Partei kennt weiß, was eine solche Position bedeutet.

Noch jeder Befürworter wurde dort im Laufe der Jahre zum Gegner der Gesamtschule, sonst wäre die politische Laufbahn beendet gewesen. Die Liste der Wendehälse beginnt bei Wolfgang Schüssel und endet bei Willi Molterer. Sie mutierten wie viele andere von engagierten Reformern zu parteihörigen “Bewahrern”

Was aber machen die Pädagogen?
Also jene Menschen, die an Universitäten das studieren, was irgendwie mit der Bildung der österreichischen Jugend zu tun hat?

Wer sind eigentlich diese Menschen? Haben sie einen Namen?
Was fällt ihnen zu Österreichs Schulen ein?
Wann protestieren sie gegen das Chaos an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten?
Wo sind die Stellungnahmen der Damen und Herren Professorinnen und Professoren?
Wie geht es ihnen überhaupt, da niemand etwas von ihnen bemerkt? Da sind die einfachen Lehrer ja häufiger in den Medien zu finden als sie!
Warum schweigen sie?

Oder sind sie nur mit sich selbst beschäftigt?
Gemäß dem Motto, das Charles Silberman vor vielen, vielen Jahren so beschrieb:
Wer seinen Beruf nicht kann, wird Lehrer. Und wer das auch nicht kann, Pädagoge.