Archiv für die Kategorie 'Dummspeak'

“Call for paper”

Kakanien März 23rd, 2010

Immer öfter fühle ich mich wie ein Gast im eigenen Land – rundum sprechen Menschen in einer fremden Sprache, die ich nicht verstehe. Niemand spricht deutsch, nicht einmal kroatisch oder slowenisch! Das sind jene zwei Sprachen, die im Vielvölkerstaat Österreich regional zusätzlich zugelassen sind. Deutschland ist diesbezüglich ja viel ärmer dran, es hat nur eine einzige Sprache und die Schweizer machen sich besonders wichtig, indem sie gleich vier Amtssprachen zulassen.

Begonnen hat mein Unwohlsein mit einer Veranstaltung zum Thema „Lernen“ und der Aufforderung „call for paper“. Ich hatte in der Schule acht Jahre das Fach „Schulenglisch“ und bot sofort acht Rollen Klopapier an. Die Frachtkosten hätte ich selbst übernommen, leider war alles ein Missverständnis. Der Aufruf richtete sich an geistige Inhalte, man war eingeladen, nach dem „keynote speaker“ einen Beitrag zum Thema vorzuschlagen.

Das freute mich so sehr, dass ich gleich im Internet recherchierte, was ein „keynote speaker“ ist. Die Übersetzung war einfacher als das Wort vermuten ließ, es handelte sich schlicht um den Hauptredner der Veranstaltung. Ich gebe allerdings zu, dass dieses Wort jeder Mensch versteht und sich dadurch bereits eine Wendung ins Banale ergeben hätte, die dem Anspruch der Veranstaltung – um nicht zu sagen: des „events“! – eklatant widersprochen hätte.

Ich schickte also eine „response without paper“, denn die Digitalisierung meiner Welt erlaubt es nicht, schlichtes „paper“ zu verwenden. Mein „non-paper“ wurde nicht angenommen, aber die „University of Technology – Department e-learning and e-understanding“, die frühere Universität, schickte mir ein Programm, in dem der gesamte „content“ aufgelistet war.

Damit ich mich auskenne, waren alle „tracks“ aufgelistet. Dummerweise kann es sich beim track um vieles handeln, etwa Gleisanlage, Feldweg oder Spurweite. Falls ich nicht „off the track“ bin, also auf dem Holzweg, handelt es sich bloß um verschiedene „workshops“, früher vulgär Arbeitskreise genannt, die parallel stattfinden.

Wer sich fremd fühlt, sollte zuerst die Sprache der Einheimischen erlernen, das verlangen wir von Zuwanderern und das muss auch für mich gelten.

Die „challenge“ (im Sinne von Schwierigkeit) dabei ist, dass es zu „challenges“ (im Sinne von Problemen) kommt, wenn die Wörter in einen „challenge“ (im Sinne von Wettbewerb) treten. Es ist natürlich eine „challenge“ (im Sinne von lockender Aufgabe), diese „challenges“ (im Sinne von Schwierigkeiten) zu „challengen“ (im Sinne von fordern). Andere werden das aber „challengen“ (im Sinne von hinterfragen) und eine „challenge“ (im Sinne von Kampfansage) an die Fremdlinge richten. Ob diese „will accept a challenge“ (im Sinne von Herausforderung annehmen) bleibt die qweschtschn. Also die Frage.

Ich jedenfalls stelle mich der „challenge“ (im Sinne von Herausforderung), schließlich will ich nicht von gestern sein. „I’m no yesterday man“, if you know what I mean. Life Long Learning“ ist das Gebot der Stunde, selbst wenn das ins schlichte Deutsch übertragen werden kann: lebenslanges Lernen.

Klar, es kommt auf den POV (Point Of View) an. Aber ich stelle mich der Moderne, selbst wenn sie eine Post ist. Denn: AAMOF (As A Matter Of Fact) muss ich sagen: SNAFU (Situation Normal All Fucked Up).

In diesem Sinn:
cu (see you), ROFL (Rolling On the Floor Laughing).
Und NVM (NeVer Mind) it’s NP (No Problem).
KwT (kein weiterer Text).

BTW (By The Way): awg, alles wird gut. Wenn immer mehr Musiker deutsche Texte singen, werden bald wieder Beiträge für Veranstaltungen gesucht werden – und niemand macht mehr einen „call for papers“.

Otherwise you get only shit.

Mann an board!

Kakanien Januar 19th, 2009

Wenn Menschen mehr aus sich machen wollen, führt das zu humorigen Ergebnissen. Wenn es sich um so genannte “Journalisten” handelt, kann man das jederzeit nachlesen, etwa im Standard, der rosa Zeitung des Springer-Verlags.

Einst als Alternative zur Monokultur der österreichischen Medienlandschaft gegründet, ist er im Laufe der Jahre zu einer Fundgrube”denglischer” Begriffe geworden.

Im “Karrierenstandard” beschreibt die Redaktion Menschen, die aufgestiegen sind zu schier unaussprechlichen Positionen. Da wimmelt es von “Vice Presidents”, “Heads”, “CEOs” und Bereichen mit so klingenden Namen wie “Wholesale” oder “Outplacement-Service”.

Bei so viel Expertentum kann es vorkommen, dass unvermutet ein deutsches Wort sich in die Beschreibung verirrt, was dann so lauten kann:
“… wurde an Board geholt.”

Well, kein wonder, if nobody kann understand such a Quatsch.

Unter einem Regenschirm

Kakanien November 20th, 2008

Die Wortpoeten sind ständig unterwegs!

Dieser relativ neue Beruf hat die schlichte Aufgabe, alles Hässliche ins Schöne zu kippen. Mit anderen Worten: ein Beruf der Wirtschaft und der Politik.

[Humanisten werden einwenden, dass es diesen Beruf bereits in der Antike gegeben hat, man nannte ihre Vertreter Rhethoriker, aber hier soll nicht von uralten Zeiten gesprochen werden.]

Die Wortpoeten heuerten, da sie als Poeten keinen Erfolg hatten, bei großen Unternehmen und politischen Parteien an und schufen so wunderbare Geschöpfe wie:

Freisetzen – ursprünglich “entlassen”.
Handlungsbedarf - ursprünglich “ohje, jetzt sollten wir langsam etwas tun”.
Das kann nicht sein - ursprünglich “das ist alles so, es ist unglaublich und wir können es nicht ändern”.
Arbeitgeber – ursprünglich ein Mensch, der so viel Macht hatte, dass andere für ihn arbeiten mussten, ob sie wollten oder nicht.
Nachhaltigkeit – ursprünglich die Annahme, dass kein Raubbau betrieben wird.

Die Liste ist unvollständig, aber immer wieder um neue Aussagen erweiterbar.

Die neueste:
Schirm spannen – derzeit wird über viele Unternehmen ein Schirm gespannt. Das bedeutete ursprünglich Schutz vor Regen, in der Gegenwart schlicht die Tatsache, dass Geld von einfachen Menschen dafür verwendet wird, die kriminellen Taten einiger Betrüger zu bezahlen.

Der Staat, der ursprünglich ganz pfui war und furchtbar hinderlich im Sinne des wirtschaftlichen Fortschritts, soll nun, da alles Chimäre – Schein – , einspringen.

Also das machen, was beim Kommunismus GANZ GARSTIG war. Wir alle zahlen die Zeche von all denen, die gegangen sind, bevor die Rechnung präsentiert wurde.

So ändern sich die Zeiten  – für Humanisten wiederum: tempora mutantur – und plötzlich ist alles richtig, was einstens noch gaga.
Pardon: falsch.

Viele Medien sind sehr angetan von der Poesie dieses Satzes, dass allerorten ein Schirm gespannt wird. In der Zeitung Focus wird der Schirm über das gesamte Bankensystem ausgebreitet, denn die Wirtschaft sind “wir alle”, wie es allgemein heißt, also sind wir auch das Bankensystem.

Weiß das mein Regenschirm, also mein Bankberater, der eine -in ist?

Wir sollen nicht kleinlich sein, sagen die Politiker und -innen:
jetzt, wo die Verluste groß, da wollen wir alle die Wirtschaft sein!

Sagt ja zum Regenschirm!

Er schützt uns alle.
Vor allem jene, die den Niederschlag provoziert haben.

Verblödungsmaschine TV

Kakanien November 10th, 2008

Wer abends müde ist, schaltet bisweilen das Fernsehgerät ein. So ging es mir heute und – ich bin ein hoffnungsloser Optimist – ich wählte das von mir persönlich geförderte öffentlich-rechtliche Fernsehen, das bekanntlich einen Bildungsauftrag enthält.

Das österreichische Fernsehen erfüllt ihn nicht, daher stieg ich auf das deutsche um.

Ich gestehe: kein Unterschied!

ARD zeigte den Österreicher Hansi Hinterseer, der  immerhin nicht vorgibt, ein Intellektueller zu sein oder irgendetwas zu verbreiten, das mit Kultur zu tun hat. Er machte das, was er nicht kann, aber viele von ihm wollen: singen und spielen.

Das ZDF  verbreitete – als eine Art ergänzendes Kontrastprogramm – die Kultursendung “Wetten, dass”. Ich weiß gar nicht, was das lustigste Ereignis des Abends war, weil ich irgendwann eingeschlafen bin, daher nur meine subjektiven Hochlichter, auf deutsch: Highlights.

Einer war der Striptease von Günther Jauch, den ich bisher für einen intelligenten Menschen gehalten habe. Er zeigte dem Publikum seine fast nackten Beine, die nur von Stutzen – das sind längere Socken, die bis zu den Knien reichen – bedeckt wurden.

Das Publikum raste!

Nur ein Kind, das aus mir unbekannten Gründen auf der Couch Platz genommen hatte – vielleicht ist es ein Kinderstar a la Heintje – starrte entsetzt in die Kamera. Es war jenes unschuldige Kind, das einstens rief:
“Er hat ja gar nichts an!”

Übersetzt in eine verständliche Sprache:
“Die spinnen, die Erwachsenen.”

Thomas Gottschalk freute sich über den Ausschnitt einer Schauspielerin namens Umatuma so sehr, dass er deren forderndem Blick nichts außer Fassungslosigkeit entgegensetzen konnte. Verlegen senkten sich seine Augen bisweilen, um das Unglaubliche kurz ins Visier zu nehmen. Glücklicherweise saß neben ihm eine schwangere Moderatorin, die durch den Umfang ihres Bauches vom Brustumfang der Schauspielerin ablenkte.

Leider fehlte Boris Becker! Der Mann übt seit Jahren den seltenen Beruf “Ex-Tennisspieler” aus, was ihn für regelmäßige Auftritte in Bildungssendungen prädestiniert. Leider hatte er sich kurz vorher von seiner neuen Liebe getrennt und blieb daher zu Hause.

Was gibt es noch zu sagen?
Ach ja: in einer Wette ging es darum, dass ein Mann dem anderen Kügelchen zuschoss, die dieser mit dem Mund auffing. Die beiden erwachsenen Männer übten ein Jahr lang für diese hervorragende Leistung.

Wahrscheinlich Finanzbeamte, die für die Überwachung der Börsen zuständig sind.

PS:  Habe gerade erfahren, dass die Männer nicht einfache Kügelchen einander an den Kopf warfen, sondern Radiergummis. Also tatsächlich Beamte – Gratulation, dafür müssen sie unbedingt einen Leistungszuschuss bekommen!

Kann nicht sein!

Kakanien Oktober 27th, 2008

Die Ratlosigkeit vieler Menschen spiegelt sich wunderbar in ihren Sätzen – nehmen wir die enorme Zunahme des Satzes: Es kann nicht sein, dass … folgt ein Nebensatz.

Es kann nicht sein, sagt die Politik, dass Spekulanten Milliarden – oder waren es Billionen? – in den Sand setzen.

Ist aber so! Irgendwie scheint der Satz sein genaues Gegenteil zu sagen. Es kann nicht sein heißt übersetzt: Es ist so.

Wenn also jemand in Zukunft sagt, das kann nicht sein, gehen Sie davon aus, dass es genau so ist!

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