Archiv für Juni, 2007

Innsbruck informiert

Kakanien Juni 30th, 2007

Endlich! Die Spannung in den letzten Tagen des Monats ist kaum auszuhalten, gestern lag die Lösung im Postkasten: “Innsbruck informiert”. Die “offizielle Mitteilungszeitung” - so heißt das Papier im Impressum - liefert gratis die wichtigsten Neuigkeiten ins Haus. Das heißt: gratis stimmt nicht ganz, schließlich finanzieren wir SteuerzahlerInnen die Zeitung.

Sofort mache ich mich an das Monatsrätsel: wie oft ist unsere Frau Bürgermeisterin abgebildet. Dieses Mal gibt es bis zur Seite 13 ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihr und dem Vizebürgermeister Sprenger. Es steht 7 : 7!

Aber dann zieht Frau Zach in einem Endspurt davon, siegt unangefochten mit 18 Fotos vor dem abgeschlagenen Herrn Sprenger mit nur 8. Das ergibt für die Siegerin nahezu ein Foto je Seite und ist nach meinen Zählungen Jahresbestleistung.

Die Spitzenmeldung des Monats lautet:
“Innsbruck bewirbt sich um den Titel Europäische Stadt des Sports 2008″

Zugegeben, eine etwas langatmige Überschrift, aber nachdem es mit der Kulturhauptstadt Europas trotz intensiver, mehrwöchiger Vorbereitung nichts geworden ist, will man höheren Orts nun frühzeitig zuschlagen.

Der Titel wird von der Vereinigung “Aces” verliehen und da 2008 ohnehin die EM in Innsbruck stattfindet, wolle man zwei Fliegen mit einer Schlappe verbinden. Oder so ähnlich. Und da man hierorts zwar das Tivoli-Stadion geschliffen hat und die FreizeitsportlerInnen noch immer keinen Ersatz gefunden haben, könnte die Wahl “die Basis bilden für neue Aktivitäten rund um den Sport”.

Als kostengünstige Attraktionen bietet sich die neue Hungerburgbahn als Laufbahn an, weil das hübsche Bähnlein noch lange nicht fertig ist. Auch die Bergiselschanze, die kaum genützt wird, könnte für die Innsbruckerinnen und Innsbrucker freigegeben werden, etwa als Klettergarten. Dazu noch der Abenteuerspielplatz “Kaufhaus Tivoli” - wozu dort ein riesiges Kaufhaus hinbauen, wenn Innsbruck doch eine Sportstadt ist?

In diesem Sinne: nach Lektüre von “Innsbruck informiert” genieße ich den Tag. Es wird alles gut. Und die Frau Bürgermeisterin ist immer dabei.

Bildungsinitiative Wacker Innsbruck

Der Fußballklub Wacker Innsbruck, vor kurzem noch Wacker Tirol genannt, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Er kombiniert Sport mit Bildung, eine seltene Koalition.
Laut Tiroler Tageszeitung wird aus “Tirol” zwar “Innsbruck”, aber das ist in einem großen Zusammenhang zu sehen. Jede Tirolerin, jeder Tiroler soll wissen, wie die Hauptstadt von Tirol heißt.
“Innsbruck ist doch die Hauptstadt Tirols. Das müssen wir in den nächsten Wochen einfach verstärkt kommunizieren”, sagt Obmann Gerhard Stocker.
Wie man etwas “einfach verstärkt” kommuniziert bleibt zwar rätselhaft, aber der gute Wille ist vorhanden. Bald ist bei vielen Menschen die Wissenslücke geschlossen wie die Landeshauptstadt heißt.
Wir kommunizieren hiermit ein verstärktes Bravo den Funktionären!

Niveau: stark fallend

Kakanien Juni 28th, 2007

In einem Buch über Österreich, das vor einigen Jahren erschien, stand die interessante Mitteilung, dass dieses Land so viele Tageszeitungen hat wie Rumänien. Damals war Rumänien noch nicht der EU beigetreten. Vielleicht ist das Verhältnis heute noch schlechter.

Obwohl wir Österreich haben. Oder eher weil?

Nein, nicht im Sinne von Eigentum, sondern im Sinne von Zeitung. Österreich hat eine Zeitung, die so heißt, wie es. Das Österreich. Oder so.

Österreich gibt es günstig zu kaufen, die meisten Menschen bekommen es sogar geschenkt. Etwas, das so billig ist, kann nicht viel wert sein, sagt der Volksmund. Und irrt. Denn Österreich ist einmalig.

Seine Eigentümer heißen Fellner und starteten ihre Karriere als Redakteure eines kritischen Schülermagazins.

Wer hätte das gedacht?

Sagt dieses Phänomen nicht viel aus über die Wandlungsfähigkeit von Österreich? Um nicht zu sagen Anschmiegsamkeit an die jeweils herrschenden Verhältnisse?

Österreich hat auch eine Website. Dort gibt es Nachrichten aufregender Art aus aller Welt. Eine der Schlagzeilen, die zwischen den Werbeanzeigen schüchtern hervorlugen, lautete heute:

Wiener Polizei nahm Spiegel-Journalistin fest

Entschuldigen Sie den fetten (Aus)Druck, aber zwecks Authentizität wurde die Überschrift hierher kopiert. (Kakanien hofft, dass daraus kein Urheberrechtsstreit entsteht.)

Die Journalistin hat bei Rot eine Kreuzung überquert und ist laut Österreich “in Wien stationiert”. Daraus lässt sich ableiten, dass wir das 3. Reich noch immer nicht überwunden haben. In Österreich.

Aber im 3. Jahrtausend reagiert Österreich wie ein einziger Widerstandskämpfer:
die Leserbriefe zeigen von ungeheurem Selbstbewusstsein.

“sollten wir alle Gesetzesbrecher mit erhobenen zeigefinger belehren und evtl noch streicheln — wo kommen wir denn da hin?
Es gibt Gesetze, die zu befolgen sind und wer dagegen verstösst, muss mit den rechtl. Konsequenzen rechnen, dh zuerst gem Festnahme gem § 35 Abs 1 VStG wegen Identitätsmangel, dann gem § 177 Abs 1 iVm § 175 Abs 1 Z 1 StPO die vorl. Verwahrung”

Jawoll!

Das ist Österreich.

Und deshalb kann ich mich nicht so richtig freuen, wenn wir nun eine Tageszeitung mehr haben als Rumänien.

Die Träumer sterben aus

Kakanien Juni 25th, 2007

Georg Danzer ist tot.
Er war gerade 60 Jahre alt geworden.
Und ich habe ihn gar nicht wahrgenommen. Nicht so, wie er es verdient hatte.
Das hat ihn sicher nicht gestört. Aber irgendwie erfüllt der Tod eines anderen Menschen einen mit hochgestochenen Gefühlen. Vor allem, wenn man in einem ähnlichen Alter ist.
Man spürt die eigene Vergänglichkeit und verwechselt sie mit Anteilnahme.

Nicht wahrgenommen stimmt übrigens nicht ganz.
Da waren „der Nackerte vom Hawelka“ und die „weißen Pferde“.

Ein wenig kitschig, die weißen Pferde. Befand ich damals. Wolf Biermann stand mir näher. Auch Degenhardt. Sie waren genauer in ihrer Sprache. Weniger „runterziehend“. Das lag wohl an der Wiener Tradition. Sterben ist dort das Schönste im Leben.

Und trotzdem – oder deshalb? – war mir Danzers Intelligenz vertraut. Zum Beispiel damals, als er mit Wolfgang Ambros in der Arena war.

Das war ein kleiner Teil von Wien, der „geschleift“ werden sollte. Beziehungsweise für eine Fabrik freigemacht.
Schlachthof Arena.
Dort wurden lange Zeit die Schnitzel für Wien geschlachtet.

Fortan sollten statt Schnitzel Textilien produziert werden.
Für uns, die Jugendlichen, war weniger Platz als für Textilien.
Das Fass explodierte. Jene Ungeduld, die in uns wohnte, ohne dass wir sie wahrnahmen.
Mit einem Male brach sie hervor: wir besetzten die Arena!

Wir wollten ein Zeichen setzen.
Für eine Kultur der Jugend.
Für eine Jugendkultur.
Für das, was kurz darauf in Zürich passierte.

Wir sind gescheitert. In Wien so wie in Zürich.
Und haben gewonnen.

Heute ist das (fast) allen klar. Scheitern ist nur jene erste Stufe, auf der wir ausrutschen. Aber wenn niemand darauf ausrutscht, erreicht niemand die zweite.

Die alte Kultur kannten wir.
Das Burgtheater und die Staatsoper mit ihren Anzugs- und Abendkleiderzwängen.
Die Eintrittskarten zum Preis eines Menüs, das sich niemand von uns leisten konnte.
Die Inhalte von vorgestern. (Wenn man Glück hatte. Manche Regisseure suchten ihre Erfüllung in noch früheren Zeiten.)

Die Arena war ein Symbol für eine neue Zeit.
Leonard Cohen kam nach seinem Konzert in der Stadthalle in die Arena und spielte für uns.
Wolfgang Ambros und Georg Danzer auch.

Es war eine schöne und friedliche Stimmung.
Bloß Wolfgang Ambros hatte nicht genau verstanden, worum es ging. Er raunzte und jammerte über „die da oben, gegen die man nichts machen konnte“.
Wir pfiffen ihn aus und Georg Danzer zog ihn von der Bühne.

Er war klug und intelligent genug zu spüren, dass Jammern hier fehl am Platz war.
Abgesehen davon, dass es wahrscheinlich nicht seinem Charakter entsprach. Das Jammern.

Eine gewisse Traurigkeit lag dennoch in vielen seiner Lieder
Und die verwechseln bekanntlich viele mit Jammern.
Der Unterschied ist ein geringer. Aber entscheidender.

Lasst mich versuchen, das Jammern zu beschreiben:
jammern beschreibt einen Zustand, der nicht zu ändern ist.
Und trauern das Gefühl, das Ende dieses Zustands nicht mehr erleben zu können.

Damals in der Arena applaudierte ich Leonard Cohen und Georg Danzer.
Wolfgang Ambros war für mich gestorben.

Seltsam, dass nun Georg Danzer, den ich niemals wieder gesehen habe, nun tot ist. Und der Hofer lebt.
Vielleicht eine österreichische Geschichte.
Oder eine Geschichte der EU.

Ein Träumer ist gestorben.
Seine Träume sollen leben.

Sommersonnenwende

Kakanien Juni 20th, 2007

Die Nächte werden wieder länger - und die Nachrichten immer seltsamer.

Wer heute das Programm des ORF verfolgte, erfuhr:
Das Klima  hierzulande nähert sich dem mediterranen an. Weil ab Temperaturen von 26 Grad Celsius die Leistung um 30 bis 70 Prozent nachlässt, schlägt ein Arbeitsmediziner vor, dass wir besser um 6 Uhr morgens zu arbeiten begännen. Mittags wäre dann Schluss, worauf wir uns ins Bad begeben könnten.
?????

Um einen Hautkrebs zu produzieren?
Manchmal zweifelt der einfachste Mensch - zB ich - an der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft.

Intschenör Hojatsch vulgo Westenthaler lässt ausrichten, dass das Tierschutzgesetz viel zu milde sei. Vierkommafünf Stunden ununterbrochener Transport sei tier- und menschenfeindlich. Maximal zwei Stunden adäquat.
Das BelustigungsZentrum Österreich  (=BZÖ) als Gutfreund von Mensch und Tier?
Wo soll das alles enden?

Hormonpapst Huber, kurz HH genannt, “rudert zurück”, wie das neuerdings heißt. Das Wundermittel gegen Krebs - eine Zeitung namens “News” versprach wunderbare Folgen des Mittels - sei kein Wunder, sondern bloß ein Mittel, das keine Wunder verspricht.

Kein Wunder, dass niemand mehr an Politik interessiert ist.
Selbst wenn sie sich als Medizin verkleidet.

Es ist an der Zeit, dass Politik sich neu definiert.
(Klingt gut. Oder?)

Integrationsfrau

Kakanien Juni 18th, 2007

Unter dem Motto “wir haben alles im Angebot” gibt es bei der ÖVP nun eine “Integrationsbeauftragte”. Es handelt sich um die Staatssekretärin für Wirtschaft, Christine Marek. Sie darf ein bisserl ausländerfreundlich sein, vor allem dann, wenn das “der Wirtschaft” nützt. Die sind bekanntlich wir alle, wenn auch manche etwas weniger.

Die Kommentare fallen wie üblich aus:
Die FPÖ spricht von “Ahnungslosigkeit”, das BZÖ von einer “außer Rand und Band geratenen Ausländerpolitik” und der Parteifreund von Frau Marek, ÖVP-Generalsekretär Missethon meint, sie sei eh nur “für die Leute da, die schon da sind”.

Na dann!
Viel Spaß, Frau Staatssekretärin. Am besten Sie tun sich mit den Steirern zusammen, die für die Gesamtschule sind. Und gründen gemeinsam eine Partei, die neue ÖVP - die österreichische Vernunftspartei.

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