Mehr Kapitalismus!

Kakanien November 8th, 2008

Nein, diese Überschrift ist keine Satire, sondern der Titel eines Buches von Friedrich Merz. Der Mann hat eine eigene Homepage und war bis 2004 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag. Weil er das nicht mehr ist, hatte er Zeit ein Buch zu schreiben.

Der Verlag Piper kündigt es per Inserat mit folgendem Text an:
“Der Markt ist sozial und der Kapitalismus gerecht.”

Ja, es gibt noch Idealisten!

Sie glauben an eine höhere Instanz, mag sie Gott heißen, Karl Marx oder eben Kapitalismus.

Der Idealist unterscheidet sich vom Realisten vor allem dadurch, dass er irgendwo ein System vermutet, das alles regelt. Und zwar besser, als der einfache Mensch es vermag. Da kann die Welt keine Scheibe sein, der Sozialismus nicht die Lösung aller Rätsel oder die Finanzkrise von Menschen verursacht - er hält an seinem Weltbild fest wie die Zeugen Jehovas an der Schaffung der Welt in sieben Tagen.

Was kümmert ihn - konkret Friedrich Merz - die Wirklichkeit?

Er hat die Idee einer fernen “höheren Ordnung” - und diese Vorstellung beruhigt ihn ungemein. Da können Banken krachen wie eine Kaisersemmel (Wiener Sprichwort) und Menschen vor dem Ruin stehen, dem Idealisten ist klar: es war der liebe Gott oder Karl Marx oder der Markt, und der wird alle Probleme lösen.

Die Erfahrung, dass weder Gott noch Marx noch der Markt über uns thronen, sondern Menschen  den Lauf der Welt bestimmen, bleibt ihm fremd. Er wartet auf ein Wunder.

Friedrich Merz auf ein Wunder des Kapitalismus.

Wenn alles gut geht, wird er noch selig gesprochen.
Nein, nicht Friedrich Merz.

Der Kapitalismus.

Kein Nachruf

Kakanien November 2nd, 2008

In Österreich starben voriges Jahr 686 Menschen durch Verkehrsunfälle. Ein großer Teil von ihnen deshalb, weil er zu schnell gefahren, ein großer Teil, weil er betrunken war. Manchmal waren die Lenker auch beides gewesen: zu schnell und betrunken.

Als vor einigen Jahren in Baden bei Wien Kinder von einem betrunkenen Autofahrer niedergemäht wurden, demonstrierten Verwandte und Freunde der Getöteten so lange, bis die österreichische Regierung sich aufraffte, die Promillegrenze zu senken: von 0,8 auf 0,5 Promille.

Vor einigen Tagen fuhr ein Politiker mit etwa 142 km/h und 1,8 Promille – das entspricht laut der Zeitung „Die Presse“ etwa zehn doppelten Schnäpsen. Im Ortsgebiet.
Warum, dachte er vielleicht, sollen für mich Verkehrsschilder gelten, wo ich doch der Herr über alle ein- und die wenigen mehrsprachigen Ortsschilder bin?

Was denken die Eltern der zehnjährigen Anna, die gerade in diesem Moment auf die Straße tritt, als der betrunkene Raser über die Dörfer fegt? Und ihren kleinen Körper zerfetzt?
Nein, Anna war nicht dort. Aber sie hätte dort sein können.

Danke!

Der Tod des Kärntner Landeshauptmanns lässt keinen Platz für Satire. Dieser Mann war ein großes Talent im Umgang mit Menschen. Und ein begnadeter Schauspieler. Zwischen den Veranstaltungen wechselte er den Heimat- mit dem Designeranzug genauso schnell wie die Sprache. Mal war er seriöser Staatsmann, dann wieder jener, der Österreich als ideologische Missgeburt bezeichnete oder angeblich Straffällige auf die „Saualm“ transportieren ließ.

Sonderunterbringung“ nannte das sein Sprecher.

Als „Endlösung“ schwebte Haider - das war sein letzter Streich - die Abschiebung dieser Menschen vor. Ja, es ist sein „Verdienst“ , dass in Österreich dieses Wort verwendet werden darf, als hätte es die Endlösung der Nazis, die Ermordung der Juden, nie gegeben.

Das wahrhaft Erschütternde aber sind die Reaktionen auf den Tod eines Menschen, der Österreich immer mehr zu einem Schrebergarten der Vorurteile werden ließ und Lösungen immer nur in Form von Feindbildern angeboten hat. Schuld an allem Übel waren bei ihm die Ausländer, die Asylanten, das Fremde.

„Als Populist war Haider ein Vorbild für Nachahmungstäter überall in Europa.“, schreibt Anton Pelinka, jener Politikwissenschafter, den die Universität Innsbruck gerne nach Budapest ziehen ließ, damit die hiesigen Lichter ohne Konkurrenz glimmen dürfen.

Viele Kärntnerinnen und Kärntner sehen das anders:
„Danke, dass ich in deiner Nähe sein durfte.“
„Danke, dass du mir einmal die Hand gereicht hast.“
„Danke für all das Gute, was du für uns und unsere Familien geschaffen hast.“

So steht es, neben vielen anderen Eintragungen, im Kondolenzbuch.

Es ist, als sei die Zeit tatsächlich „still gestanden“, wie das ein BZÖ-Funktionär gesagt hat. Allerdings schon seit 200 Jahren, damals, als unsere Vorfahren in einer Monarchie lebten, in der Fürsten und Könige huldvoll jenes Geld unter die Untertanen verteilten, das jene erarbeitet haben.

Es ist fürwahr noch ein weiter Weg zur Demokratie.

Der Herr Karl

„Und dann hat er mich angeschaut mit seinen blauen Augen, und ich habe ihn angeschaut. Dann hat er gesagt: ‚Jaja!’ - Da hab ich alles gewusst.“

Die Figur des „Herrn Karls“ sagt das über seine Begegnung mit Adolf Hitler. Helmut Qualtinger hat ihn gespielt, den Herrn Karl, das Spiegelbild eines bestimmten Österreichers.

Jener Österreichers, der sich freut, wenn einer von „da oben“ ihm zulächelt und ihm die Hand auf die Schulter legt. Dann ist für ihn die Welt in Ordnung, für so einen würde er glatt jemanden erschlagen. Oder fortjagen.

In diesem Jahr wäre der begnadete Schauspieler Qualtinger 80 Jahre alt geworden. Der ORF ehrt ihn irgendwann in der Nacht, so spät, dass niemand ihn sehen kann.

Dabei ist der „Herr Karl“ noch immer aktuell.

Kann nicht sein!

Kakanien Oktober 27th, 2008

Die Ratlosigkeit vieler Menschen spiegelt sich wunderbar in ihren Sätzen - nehmen wir die enorme Zunahme des Satzes: Es kann nicht sein, dass … folgt ein Nebensatz.

Es kann nicht sein, sagt die Politik, dass Spekulanten Milliarden - oder waren es Billionen? - in den Sand setzen.

Ist aber so! Irgendwie scheint der Satz sein genaues Gegenteil zu sagen. Es kann nicht sein heißt übersetzt: Es ist so.

Wenn also jemand in Zukunft sagt, das kann nicht sein, gehen Sie davon aus, dass es genau so ist!

Gemeinderätin auf Entdeckungsreise

Kakanien Oktober 12th, 2008

Die Medienlandschaft Tirols besticht durch ihre ungeheure Vielfalt, die der Baumvielfalt oberhalb der Baumgrenze entspricht.

Ein besonders schöner Medienbaum ist das “Stadtblatt”, eine Wochenzeitschrift mit immer wieder erstaunlichen Neuigkeiten - um nicht zu sagen: news. Das alles kostenlos und ungefragt jeden Freitag im Postfach.

Am 8. Oktober 2008 las ich beispielsweise eine Reportage über die Reise einer Innsbrucker Gemeinderätin in die Berge, nach Vill. Dieses Dörfchen gehört zwar zu Innsbruck, aber irgendwie hat der Besucher das Gefühl, bereits auf einer Alm zu sein. Ein paar hübsche Häuser, ein Brunnen, eine Kirche - alles, was der Mensch braucht. Wiesen in Hülle und Fülle, ein Paradies für Kinder.

Und was sieht das Auge der Gemeinderätin? Einen Spielplatz!

Die Dame ist entzückt und verkündet überrascht:
“Als ich vergangene Woche auf Werbetour war, entdeckte ich den Platz. Trotz schönen Wetters waren aber keine Kinder dort.”

Tja, wahrscheinlich reichen ihnen die paar Quadratkilometer, die um den Spielplatz rumliegen - die heutige Jugend ist ja sowas von undankbar!

Dabei, ergänzt die Frau Gemeinderätin - sie heißt übrigens Waibel und  kämpft für die ÖVP - sei das sehr schade, der Platz ideal:
“Er ist abgezäunt, aber trotzdem auch von außen gut einsehbar und es besteht keine Gefahr hinsichtlich des Straßenverkehrs.”

Kein Wunder, die nächste Straße ist etwas entfernt, aber der überzeugendste Vorteil:
“Auch Drogenspritzen und Hundstrümmerln findet man keine.”

Wer hätte das gedacht!

Ein Spielplatz ohne Drogenspritzen - und das inmitten der Alpen! Und die Bevölkerung nimmt dieses tolle Angebot nicht an.

Schade, findet die Gemeinderätin:
“Hier könnten locker 20 Kinder gleichzeitig spielen.”

Beeindruckend - wie wäre es mit einem Shuttlebus? Und Aufsichtspersonal, sonst entwischen die lieben Kleinen in die ungepflegte Natur.

Dumme aller Länder: vereinigt euch!

Kakanien Oktober 3rd, 2008

Die vage Hoffnung, dass die ÖVP sich auf ihre bürgerlichen Wurzeln besinnt, scheint eine trügerische zu sein: die Betonierer und Njet-Sager formieren sich und finden, dass die ÖVP eine tolle Oppositionspartei sein kann.

Was ist der Zweck dieser Selbstmordaktion? Dass die SPÖ sich mit der FPÖ zusammen tun muss? Oder andernfalls es überhaupt zu keiner Regierungsbildung kommt? Die Wähler sollen, denken diese Herren, zur Strafe eine Koalition aus Rechten und bürgerlichen Sozialdemokraten bekommen.

Man merkt die Absicht und ist verstimmt, um Goethe zu zitieren. (Sorry, liebe Oldies von der ÖVP, wenn ihr den Mann nicht kennt. Er war ein berühmter Schriftsteller.)

Will die ÖVP also das, was sie im Wahlkampf nicht wollte? Das erinnert an den speziellen Oldie, der keinesfalls als Dritter Bundeskanzler werden wollte und es dann gerne war: Wolfgang Schüssel ist sein Name und er will sein Lebensprojekt, den Untergang der ÖVP nach dem Vorbild der italienischen Christlich-Sozialen offenbar weiter vorantreiben.

Nur so ist zu erklären, dass Landespolitiker dieser Partei, die bis zu einem Drittel ihrer Wählerinnen und Wähler verloren haben, weiter in den Untergang stürzen wollen. Nein, nicht Lemmingen gleich, denn diese Tiere stürzen sich nicht in den Freitod, das war nur eine Legende, die Walt Disney mit einem gefälschten “Dokumentarfilm” unterstützte.

Mit anderen Worten:
mit Hilfe der “Njet-Fraktion” der ÖVP, die bereits die letzte große Koalition scheitern ließ, scheint der Weg frei in das Chaos von FPÖ und BZÖ - naja, vielleicht gibt es noch eine Koalition mit diesem Rechtsrand der Republik?

Manche “Lemminge” in der ÖVP finden sogar das annehmbar - ein Steirer nannte die beiden Parteien sogar “bürgerliche”. Auf welchem Mond dieser Mann lebt, ist unbekannt. Klar ist, dass Josef Pröll Klartext reden muss.

Oder Österreich ein Anhängsel von Italien wird.

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